Kurt Piehl

In der unmittelbaren Nähe der ehemaligen Danziger Freiheit und an der heutigen Geschwister-Scholl-Straße erinnert die Gestaltung des ehemaligen Versicherungsgebäude an den Edelweißpiraten Kurt Piehl.

Er wurde 1928 in Dortmund geboren und lebte dort mit seinen Eltern in der proletarisch geprägten Nordstadt. Als Jugendlicher schloss er sich 1943 den Edelweißpiraten an und überlebte 1945 nur wenige Wochen vor Kriegsende knapp die Verhaftung und die Unterbringung im berüchtigten Dortmunder Gestapo-Gefängnis „Steinwache”.

Anders zu sein war unter den Nazis lebensgefährlich

Gehorsam und Disziplin waren der Alltag der Hitlerjugend (HJ) und dem Bund Deutscher Mädel (BDM). Doch es gab auch Jugendliche, die sich dem Zwang nicht beugen wollten. Edelweißpiraten, Swingjugend oder Bündische Jugend wollten sich nicht an den NS-Staat anpassen und galten als „staatszersetzend“. Aus anfänglich unpolitischen wilden Jugendgruppen wurden subversive Widerstandskämpfer.

Edelweißpiraten

Die Einführung der „Jugenddienstpflicht“ in der Hitlerjugend im Jahr 1939, welche die Freiheit der Jugendlichen drastisch einschränkte, verstärkte die Herausbildung so genannter „Wilder Jugendgruppen“. Im Gegensatz zur „Swing-Jugend“, deren Anhänger sich aus dem großstädtisch-bürgerlichen Umfeld bildeten, entstammten die Mitglieder dieser Meuten, Cliquen oder Banden überwiegend dem Arbeitermilieu. Ihre Opposition war nicht politisch motiviert, jedoch sahen sie sich in ihrer demonstrativ zur Schau getragenen Ablehnung bürgerlicher Moral- und Ordnungsvorstellungen in absolutem Gegensatz zur Hitler-Jugend (HJ), deren Zwangscharakter und militärischen Drill sie zutiefst verabscheuten. Schon bei der Namensgebung der einzelnen Gruppen gab man sich subversiv: Harlem-Club, Rotes-X, Navajos, Kittelbachpiraten oder Texas-Gruppe. Zu den bekanntesten oppositionellen Jugendgruppen während der NS-Herrschaft zählten die „Edelweißpiraten“. In Anlehnung an die Ideale der Jugendbewegung aus dem frühen 20. Jahrhundert, der so genannten bündischen Jugend, die seit der Machtübernahme der NSDAP 1933 offiziell verboten war, strebten sie nach Selbstbestimmung und -erziehung, veranstalteten trotz strikten Verbots Fahrten und Wanderungen und legten sich auch eine eigene „Kluft“ zu (die Jungs Karohemden, Lederhosen, Wanderschuhe, die Mädchen weiße Blusen und blaue Röcke), mit der sie sich bewusst von der einheitlich uniformierten HJ absetzten. Nach Feierabend und an Wochenenden traf man sich in bestimmten Stadtvierteln, Straßen oder Kneipen, wo es dann – sozusagen bei der Verteidigung des Territoriums – des Öfteren zu massiven Handgreiflichkeiten mit den Streifendiensten der HJ kam. Vor Gewaltanwendung mit Messern und Schusswaffen wurde dabei nicht zurückgeschreckt.

Im Laufe der Kriegsjahre und der damit einhergehenden erschwerten Lebensbedingungen verwischten die Grenzen zwischen jugendlicher Opposition und kriminellen Übergriffen zusehends. Verhaftungen von „Edelweißpiraten“ erfolgten jetzt nicht mehr nur wegen der Prügeleien mit der HJ, sondern auch wegen strafrechtlicher Delikte wie Schwarzhandel oder Einbruch. In Köln suchten 1943 einige Mitglieder der „Edelweißpiraten“ nun auch den Weg in den aktiven politischen Widerstand und formierten sich zur „Ehrenfelder Gruppe“. Deren erste Aktivitäten bestanden darin, geflohene Zwangsarbeiter und Deserteure zu verstecken. Um an Lebensmittel und Geld zu gelangen, verübten sie Diebstähle und begannen auch Waffen für einen Kampf im Untergrund zu sammeln. Sie lieferten sich Schießereien mit der Polizei und verübten Anschläge auf Gestapo- und NS-Funktionäre. Als die Ehrenfelder Gruppe im Oktober 1944 versuchte, das Gestapo-Gebäude in die Luft zu sprengen, kam es zu mehreren Verhaftungen.

Unter den Festgenommenen befanden sich sechs Jugendliche, der Jüngste war erst 16 Jahre alt. Sie wurden ohne Gerichtsurteil öffentlich erhängt.

Bundesarchiv, Jugendwiderstand, unter:

http://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/dienstorte/rastatt/raumblatt_jugendwiderstandns.pdf

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